1773-1787

Spätestens Anfang November 1773 brach Gluck in Begleitung seiner Ehefrau und seiner Adoptivtochter Nanette zur ersten Reise nach Paris auf. Wichtige Kontaktpersonen in Paris waren der österreichische Botschafter Florimond Claude Graf von Mercy Argenteau und sein Sekretär Franz Kruthoffer, mit dem Gluck von 1775 bis 1783 einen aufschlussreichen und freundschaftlichen Briefwechsel führte. Gluck wohnte im Palais des Herzogs Christian IV. von Zweibrücken und machte hier die Bekanntschaft des Malers Johann Christian von Mannlich, der in seinen später verfassten Lebenserinnerungen ausführlich über Gluck in Paris berichtete.  

Die Uraufführung der ersten französischen Oper im Reformstil Iphigénie en Aulide am 19. April 1774 an der Pariser Académie Royale de Musique wurde ein großer Publikumserfolg und machte Gluck auf einen Schlag in Paris bekannt. Die Probenarbeit gestaltete sich offenbar schwierig und anstrengend, da Gluck von seinen Sängern nicht nur musikalische Höchstleistungen verlangte, sondern auch auf eine überzeugende darstellerische Ausführung drang, wie Mannlich in seinen Erinnerungen beschreibt. Das Werk erlebte nur fünf Vorstellungen, da nach dem Tod Ludwigs XV. am 10. Mai die Theater vorübergehend geschlossen wurden. Am 2. August fand die Premiere der zweiten für Paris komponierten Oper Glucks statt: Orphée et Euridice, eine Bearbeitung des Wiener Orfeo von 1762. Nachdem auch diese Aufführung ein glänzender Erfolg wurde, gewährte Marie Antoinette Gluck eine jährliche Pension von 6000 livres. Mitte Oktober verließ Gluck Paris und kehrte über Zweibrücken, Mannheim und Schwetzingen nach Wien zurück, wo er am 18. Oktober von Kaiserin Maria Theresia zum „Hofcompositeur“ ernannt wurde. Bereits einen Monat später brach Gluck zum zweiten Mal nach Paris auf. Auf der Reise kam es in Karlsruhe zur Begegnung mit Friedrich Gottlieb Klopstock, bei der Nanette einige der von Gluck vertonten Oden des Dichters vortrug.

 

Am 13. Januar 1775 fand an der Pariser Académie Royale de Musique die Premiere der zweiten Fassung von Glucks Iphigénie en Aulide statt, die aufgrund der spontanen Huldigungen an die Königin Marie Antoinette während der Vorstellung Aufsehen erregt. Wegen des großen Erfolgs beschloss Gluck mehrere seiner Wiener Opéras-comiques für die Pariser Bühnen zu bearbeiten, zunächst Le cadi dupé, die als Comédie chinoise in zwei Akten unter dem Titel Le Mandarin aufgeführt wurde. Am 27. Januar folgte die zweite Fassung von L´Arbre enchanté in Versailles, die Uraufführung der Neufassung von Cythère assiégée fand am 1. August an der Académie Royale de Musique in Abwesenheit Glucks statt, der Mitte März aus Paris abgereist und nach einem neuerlichen Zusammentreffen mit Klopstock in Karlsruhe und Rastatt Ende März nach Wien heimgereist war. Seine ursprünglich für den Sommer geplante Rückkehr nach Paris musste Gluck krankheitsbedingt verschieben. In Wien arbeitete er an einer französischen Adaption seiner Alceste und beschäftigte sich mit dem Textbuch zu Quinaults Armide.

Mitte Februar 1776 konnte Gluck seine dritte Reise nach Paris antreten, bei der die Premiere der französischen Alceste im Vordergrund seines Interesses stand. Angesichts der schlechten Resonanz nahmen Gluck und Du Roullet, der für die französische Bearbeitung des Textes verantwortlich war, eine umfassende Überarbeitung vor. Währenddessen erreichte Gluck die Nachricht vom Tod seiner Nichte Nanette, die mit Glucks Ehefrau in Wien geblieben war. Schwer erschüttert kehrte er dorthin zurück.

In seiner Abwesenheit entbrannte in Paris eine Kontroverse zwischen den Anhängern Glucks und denen der italienischen Oper, die sich durch die Komponistenpersönlichkeit Piccinni repräsentiert sahen. An der vor allem in Zeitungen und anderen Druckschriften ausgetragenen Diskussion beteiligte sich Gluck selbst lediglich mit zwei Stellungnahmen, in denen er seine grundlegende Position darstellte. Die begonnen Arbeiten an Roland stellte Gluck ein, als er erfuhr, dass die Académie Royale de Musique Piccinni, der in der Zwischenzeit auf Einladung Marie Antoinettes in Paris eingetroffen war, mit der Vertonung desselben Dramas beauftragt hatte. Stattdessen konzentrierte er sich nunmehr auf die bereits im Vorjahr begonnene Komposition Armide nach dem Textbuch Philippe Quinaults.

Zur Aufführung der Armide unternahm Gluck in Begleitung seiner Frau die vierte Reise nach Paris. Die Probenarbeit wurde von Gluckisten und Piccinnisten mit großem Interesse begleitet. Die Reaktionen auf die mit Spannung erwartete Premiere waren zunächst geteilt, der Erfolg stellte sich erst nach einer Weile ein. Zurück in Wien widmete er sich der Komposition der letzten beiden für Paris geschaffenen Werke, Iphigénie en Tauride und Echo et Narcisse. Das Vorhaben, nochmals eine Dichtung Calzabigis in Musik zu setzen, gab Gluck auf und überließ das Textbuch, zur Verärgerung Calzabigis, seinem Schüler Antonio Salieri, dessen Tragédie lyrique Les Danaïdes schließlich am 26. April 1784 in Paris aufgeführt wurde.

Anfang November 1778 brach Gluck zur fünften und letzten Reise nach Paris auf, wo im Mai des darauffolgenden Jahres die Aufführung der Oper Iphigénie en Tauride stattfand, die zu seinem größten Bühnenerfolg wurde. Gluck hatte darin sein erklärtes Ziel, die Verwirklichung der griechischen Tragödie in der Zusammenfassung von Dichtung, Musik und Inszenierung erreicht. Allerdings nahm dieser letzte Aufenthalt in Paris kein glückliches Ende: Während der Proben zum Drame lyrique Echo et Narcisse erlitt Gluck seinen ersten Schlaganfall. Die Premiere des Werks missglückte, was Gluck mit einiger Verbitterung erfüllte und ihn zur Abreise nach Wien bewegte, wo er eine Überarbeitung der Partitur vornahm, die in der Neufassung am 8. August in Paris aufgeführt wurde. Ein zweiter Schlaganfall Ende Mai oder Anfang Juni schränkte seine Arbeitsmöglichkeiten stark ein. Für die von Johann Baptist von Alxinger angefertigte deutsche Übersetzung seiner Iphigénie en Tauride (als Iphigenie in Tauris) bearbeitete er die Partitur von 1774. Anlässlich eines Besuchs des russischen Großfürsten Paul Petrowitsch und seiner Gemahlin Maria Feodorowna in Wien kam es zur Aufführung. Ebenfalls zu dieser Gelegenheit wurde unter der Leitung Salieris erneut die Alceste, die deutsche Bearbeitung von La Rencontre imprévue und Orfeo ed Euridice auf die Bühne gebracht.

Aufgrund seines immer schlechter werdenden gesundheitlichen Zustands nahm Gluck kaum noch am gesellschaftlichen Leben teil. Allerdings besuchte er 1782 eine Aufführung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail und lud den jüngeren Komponisten für den folgenden Tag zu sich nach Hause ein. Eine weitere Einladung an das Ehepaar Mozart folgte nach einem Konzert bei dem Mozart über ein Thema aus La Rencontre imprévue improvisierte. Ob die Besuche tatsächlich stattfanden, ist nicht überliefert.

Am 14. und 15. November 1787 erlitt Gluck drei weitere Schlaganfälle und starb am 15. November in seinem Wiener Stadthaus in der Wiedener Hauptstraße 32. Die Beisetzung fand am 17. November auf dem Matzleinsdorfer Friedhof statt. Bei der Totenmesse wurde Glucks De profundis für gemischten Chor und Orchester unter der Leitung von Salieri aufgeführt. 1890 wurde Glucks Grabmal auf den Wiener Zentralfriedhof überführt.