1752-1772

Zurück in Wien wirkte Gluck als Kapellmeister und Komponist der Hauskapelle des Prinzen Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen. Im Herbst 1754 veranstaltete der Prinz auf seinem Besitz Schloßhof an der March ein mehrtägiges Fest, dessen Zweck darin bestand, das Hildburghausen‘sche Anwesen der Kaiserin Maria Theresia zu präsentieren und anschließend zu veräußern. Glucks musikalischer Beitrag bestand in der Komposition von Le Cinesi sowie der Cori da cantarsi a Schlosshof, alle Werke nach Texten von Metastasio. Nach der Wiederholung von Le Cinesi am Burgtheater und der Uraufführung von La danza zum Geburtstag des Erzherzog Leopold 1755, erhielt Gluck den Auftrag zur Komposition von „Theatral- und Akademiemusik“ für beide Hoftheater und somit den ersten offiziellen Posten am kaiserlichen Hof. Das erste Werk, das er in diesem Sinne schuf war L´innocenza giustificata, die zum Geburtstag des Kaisers Franz I. Stephan am Burgtheater uraufgeführt wurde.

Es folgte eine Reise nach Rom, wo Gluck zur Eröffnung des Teatro Argentina die Oper Antigono komponierte und den päpstlichen Orden und den Titel „Ritter vom goldenen Sporn“ erhielt, der später auch an Mozart vergeben wurde. Seitdem wurde Gluck häufig als „Chevalier“ bzw. „Ritter“ Gluck bezeichnet. Ebenfalls auf dieser Reise wurde Gluck in den Dichterzirkel „Accademia dell´Arcadia“ aufgenommen, deren künstlerisches Ideal in der Hinwendung zur antiken Klassik und zum frühneuzeitlichen Rationalismus Descartes bestand. Zurück in Wien komponierte Gluck wie im Vorjahr die Oper zu Ehren des Geburtstags des Kaisers Il re pastore. Nachdem sich der Staatskanzler Graf Kaunitz, der auch für kulturpolitische Belange zuständig war, um enge Verbindungen zwischen Wien und Paris bemühte, kam es 1752 zum Engagement einer französischen Theatertruppe für das Burgtheater. Viermal in der Woche veranstaltete sie Theaterabende, die aus einem Schauspiel, komischer Oper und Ballett bestanden. Damit begann Gluck die Reihe seiner Wiener Opéras-comiques: La Fausse Esclave und L´Île de Merlin ou Le Monde renversé wurden im Jahr 1758 aufgeführt. Im darauffolgenden Jahr kamen La Cythère assiegée, Le Diable à quatre ou La Double Métamorphose und L´Arbre enchanté ou Le Tuteur dupé auf die Bühne. Es folgten 1760 L´Ivrogne corrigé und 1761 Le Cadi dupé. Im April des Jahres 1759 wurde Gluck zum Ballettmusik-Komponist der Wiener Hoftheater und zusätzlich zum „Director der Theatral-Music“ ernannt. Zur Hochzeit Erzherzog Josephs und der Prinzessin Isabella von Bourbon-Parma am 7. Oktober 1760 vertonte Gluck die Serenata Tetide. Die Uraufführung fand am 10. Oktober im Redoutensaal der Wiener Hofburg mit Caterina Gabrielli und Giovanni Manzuoli statt, während die eigentliche Festoper zu diesem Anlass, Alcide al bivio, von dem kurz zuvor in Wien eingetroffenen Johann Adolph Hasse komponiert wurde. Ein einschneidendes Ereignis für den weiteren Schaffensprozess Glucks bildete die Ankunft des italienischen Schriftstellers und Librettisten Ranieri de‘ Calzabigis im Jahr 1761. Gemeinsam mit dem Tänzer und Choreographen Gasparo Angiolini entstand die Ballett-Pantomime Don Juan ou Le Festin de pierre, deren Handlung zwar als zu traurig getadelt wurde, die aber dennoch auf großes Publikumsinteresse stieß und mehrfach wiederholt wurde. Im zu dieser Produktion gedruckten Szenar formulierte Angiolini seine Ideen zum pantomimischen Handlungsballett, die in der Hinwendung zur Natürlichkeit und der Forderung nach szenischer Darstellung durch den Tanz bestanden, und daher mit den künstlerischen Idealen Glucks und Calzabigis konform ging.

Nach Don Juan folgte Glucks zweites pantomimisches Handlungsballett Citera assediata im darauffolgenden Jahr 1762, dessen Musik heute verschollen ist. Drei Wochen danach, einen Tag nach dem Namenstag des Kaisers, am 5. Oktober, fand die Uraufführung der Azione teatrale Orfeo ed Euridice statt, der ersten Opera seria, in der Gluck seine Reformgedanken weitgehend verwirklichte. Den Text dazu verfasste Calzabigi. Gluck schwebte eine Oper vor, deren oberstes Prinzip in der Abbildung der natürlichen Handlungsabläufen besteht, die im aristotelischen Sinne den Zuschauer rühren und somit läutern solle. Ähnliche Gedanken fanden sich bei verschiedenen Zeitgenossen Glucks. So stellte der Literat Francesco Algarotti in seinem Saggio sopra l´opera in musica die Forderung, die Arien mögen nicht die Handlung kommentieren, sondern selbst natürlicher Teil der Handlung sein, bei Johann Joachim Winckelmann und Jean-Jacques Rousseau fand sich der Gedanke der Natürlichkeit und Einfachheit, den sie im Vorbild der griechischen Antike idealisierten.

1763 reiste Gluck in Begleitung von Carl Ditters von Dittersdorf über Venedig nach Bologna, wo Glucks Oper Il trionfo di Clelia am 14. Mai uraufgeführt wurde. Zurück in Wien widmete sich Gluck zunächst der Wiederaufnahme seines Orfeo. Für die Produktion des Ezio am Burgtheater nahm er eine umfassende Überarbeitung der Prager Partitur von 1750 vor. Das Jahr 1764 begann mit der Aufführung der Opéra-comique La Rencontre imprévue.

In Begleitung des Grafen Durazzo, Intendant des Burgtheaters, und des Librettisten Marco Coltellini reiste Gluck nach Paris, wo die Drucklegung seines Orfeo vorbereitet wurde. Auf dem Rückweg machte er Station in Frankfurt am Main, wo er an den Festlichkeiten zur Krönung Josephs II. zum römischen König teilnahm. Zurück in Wien fand die Uraufführung der Ballettpantomime Les Amours d´Alexandre et de Roxane (Alessandro) am Burgtheater statt. Für die zweite Hochzeit Josephs II. mit Maria Josefa von Bayern komponierte Gluck mehrere musikdramatische Werke, die im Januar 1765 innerhalb einer Woche aufgeführt wurden. Zunächst – am 24. Januar – fand die Aufführung der Serenata Il Parnaso confuso in Schönbrunn statt, am 30. Januar die Festoper Telemaco ossia L´isola di Circe und schließlich am 31. Januar die von Angiolini choreographierte Ballettpantomime Semiramis, beide im Burgtheater. Während Il Parnaso confuso begeisterte Aufnahme fand, was sicherlich nicht zuletzt an der Beteiligung der kaiserlichen Familie lag, konnte der Telemaco weniger überzeugen, die Semiramis rief aufgrund der realistischen Darstellung der dramatischen Handlung sogar Entsetzen hervor.

Anlässlich der Vermählung Erzherzog Leopolds mit der Prinzessin Maria Ludovica von Spanien hielt sich der Hof im Sommer 1765 in Innsbruck auf, wo Kaiser Franz I. Stephan am 18. August starb. Eine geplante Aufführung von Glucks Azione teatrale La corona wurde daraufhin abgesagt. Die Uraufführung der Oper fand erst am 13. November 1987 im Rahmen des Gluck-Kongresses, aber an ihrem Bestimmungsort Schönbrunn statt.

Der Wunsch des Großherzog Leopolds von Toskana, Gluck solle einen Prolog zu Traettas Ifigenia in Tauride komponieren, führte den Komponisten im Jahr 1767 nach Florenz. Am 26. Dezember desselben Jahres fand am Wiener Burgtheater die Uraufführung der Tragedia per musica Alceste statt, die in enger Zusammenarbeit mit Calzabigi entstanden war. Gluck selbst äußerte sich im Vorwort des Partiturdrucks der Alceste zu seinen und Calzabigis künstlerischen Idealen in Form einer Widmung an Großherzog Leopold, die jedoch eher einem künstlerischen Manifest entsprach. Die Aufführung wurde kontrovers aufgenommen; auch wenn die musikalischen und textlichen Qualitäten des Werks durchaus registriert wurden, so fand die als zu tragisch und düster empfundene Handlung wenig Resonanz.

Im Jahr 1768 kaufte Gluck ein Haus am Rennweg, in das das Ehepaar mit der adoptierten Nichte Glucks, Marianna Hedler, genannt Nanette, zog. Anfang des darauffolgenden Jahres reiste Gluck im Auftrag des Wiener Hofes nach Parma und führte dort zur Hochzeit der habsburgischen Erzherzogin Maria Amalia mit dem Infanten Ferdinand von Parma Le feste d´Apollo auf, eine aus einem Prolog und drei selbstständigen Akten (Atto d´Aristeo, Atto di Bauci e Filemone und Atto d´Orfeo) bestehende Festoper. Im gleichen Jahr schloss Gluck einen Vertrag mit Giuseppe d´Afflisio und Francesco Lopresti zur gemeinsamen Leitung des Wiener Burgtheaters ab.

1770 wurde Glucks Orfeo ed Euridice in einer Neuinszenierung am Wiener Burgtheater wiederaufgenommen. Als letztes Produkt der Zusammenarbeit Glucks mit Calzabigi fand im gleichen Jahr die Uraufführung von Paride ed Elena am Wiener Burgtheater statt, die mit mäßigem Erfolg aufgenommen wurde. Nach dem Misserfolg lebte Gluck zurückgezogen in Wien. Er arbeitete wohl hauptsächlich an der Vertonung von Hermanns Schlacht, die der Autor Friedrich Gottlieb Klopstock dem Kaiser widmete. Auch wenn mehrere Zeitzeugen davon berichteten, dass Gluck Teile daraus vortrug, ist sie heute nicht überliefert.

Im Oktober 1773 veröffentlichte der Mercure de France einen Brief Francois Louis Gand Leblanc Du Roullets, Diplomat an der französischen Botschaft in Wien, in dem dieser seine Iphigénie als die Umwandlung der Dichtung Racines in ein Operntextbuch vorstellte. Als idealen Komponisten für die Vertonung benannte Du Roullet Gluck. Gluck antwortete darauf ebenfalls im Mercure mit einem offenen Brief, wodurch ein Vertrag mit der Académie Royale de Musique zustande kam, in dem er sich zur Komposition von sechs Opern für Pariser Bühnen verpflichtete.